Von der Privatschule Vlotho zum Weser-Gymnasium
Aus der Geschichte unserer Schule
"Privatschule Vlotho",
"Höhere Stadtschule Vlotho a.d. Weser", "Mathematisch-naturwissenschaftliche
Oberschule, Klassen 1-6", "Städtisches Neusprachliches
Progymnasium in Vlotho/Weser" - das ist nur knapp die Hälfte
der Namen, die die Schule trug, die in diesem Jahr ihr 125jähriges
Bestehen feiert. Die verschiedenen Bezeichnungen lassen eine wechselvolle
Entwicklung erahnen; hinter ihnen verbergen sich - wie hinter den
noch nicht genannten Namen - Etappen faszinierender Vlothoer Schulgeschichte.
Es begann - wie so oft in unserem Raum - mit einer Art Bürgerinitiative:
Am Dienstag, dem 28. Juli 1868, führten fünfzehn Väter
ihre Kinder in das Kuhl-mannsche Haus in der Mühlenstraße
zur feierlichen Eröffnung einer Privatschule. "Dieselbe",
so lesen wir in unserem ältesten Dokument, "hat zwei Klassen.
Lehrer der I. Klasse und zugleich Dirigent der Anstalt ist Dr. August
Koch. Lehrer der II. Klasse ist August Rand. Bei Eröffnung
der Schule zählte dieselbe achtzehn Zöglinge, von denen
elf der I. und sieben der II. Klasse angehörten."
Die Kinder - zehn Jungen und acht Mädchen im Alter zwischen
sieben und dreizehn Jahren - sollten eine bessere Ausbildung erhalten,
als die Volksschule sie vermitteln konnte, wobei die Knaben gezielt
auf die Aufnahmeprüfung an einem Gymnasium (Herford oder Rinteln)
vorzubereiten waren.
Aus dem Kuhlmannschen Haus in der Mühlenstraße - den
Vlothoern besser unter dem Namen des späteren Besitzers Kixmöller
bekannt - wurde der Unterricht schon 1871 in die sog. Kleinesche
Kegelbahn verlegt, die sich auf dem heutigen Grundstück des
Reiseunternehmens Begemann befand. Vier Jahre später zog man
erneut um, und zwar in das Armbstersche Haus Nr. 140, das heute
so bekannte Textilhaus Finkhäuser. 1887/88 konnte endlich in
der Koppelstraße (jetzt Poststraße) ein eigenes Schulgebäude
errichtet werden.
Verzeichnis der ersten
Schüler der Privatschule, das älteste Dokument zur Schulgeschichte

Das ehemalige Armbstersche Haus Nr. 140, in
dessen linker Erdgeschosshälfte zwischen 1875 und 1888 sich die
Privatschule befand
Der von der königlichen Regierung in Minden für das Jahr
1868 genehmigte Lehrplan wurde mehrfach geändert, bis er einem
Aufbau mit acht Abteilungen entsprach. Der III. Klasse (Nona, Oktava,
Septima) wurden die "Pensen" einer dreijährigen Gymnasialvorschule
zugewiesen, während die beiden Abteilungen der II. Klasse den
Stoff der Sexta und Quinta und die drei Abteilungen der I. Klasse
denjenigen der Quarta, Unter- und Obertertia eines Gymnasiums oder
Realgymnasiums bewältigen sollten.
Um dem in den "Jahresberichten" vom Anstaltsleiter formulierten
Ziel gerecht zu werden, die Knaben auf den Eintritt in die Untersekunda
vorzubereiten, mussten allein vier Sprachen gelehrt werden:
Latein, Griechisch, Französisch und Eng-
lisch. Gleichzeitig sollten "die Sonderinteressen der die Schule
besuchenden Mädchen stets die gebührende Berücksichtigung
finden". Welch ein komplexes Fach- und Altersstufensystem dabei
entstand, mögen die beiden Übersichten über die einzelnen
Lehrgegenstände und die Stundenverteilung aus dem Schuljahr.
1896/97 zeigen:

Und dies sind die (nicht vollzähligen)
Schüler der I. und II. Klasse und die Lehrer, für die
dieser Plan galt:

Oberste Reihe v. l: Buhtz,
Nehrkorn, Strickstrack, Dr. Brinck ("Dirigent" der Anstalt)
Welch ein ungeheures pädagogisches
Geschick wurde den vier, seit dem Schuljahr 1895/96 fünf Lehrern
abverlangt, die bei so unterschiedlicher Zielsetzung alle Schüler
in der erwarteten Weise fördern sollten! Erschwert wurde die
Arbeit noch dadurch, daß viele Eltern, selbst Mitglieder des
Privatschulvereins, ihre Kinder die ersten drei Jahre zur Volksschule
schickten, um das Schulgeld für die III. Klasse (die drei Vorschulklassen)
zu sparen. Es gibt kaum einen "Jahresbericht", den die
"Dirigenten der Anstalt" dem "verehrlichen Vorstand
der Privatschule" überreichten, in dem nicht dargelegt
wurde, daß dadurch die Voraussetzungen für die Aufnahme
in die II. Klasse fehlten und den Pädagogen Unmögliches
abverlangt werde. Im Schuljahr 1893/94 gab es infolge dieses Elternverhaltens
in der III. Klasse bei drei Abteilungen nur 11 Kinder zu unterrichten.
Dabei wurde die Anstalt vor der Jahrhundertwende von durchschnittlich
75 Schülern besucht (ein einziges Mal, 1898/99, wurde die Zahl
100 um 2 überschritten).
Geklagt wird in den "Jahresberichten" aber auch darüber,
daß die Eltern ihre Kinder bei der geringsten Unpäßlichkeit
zu Hause behielten und es den Lehrern dadurch ungeheuer schwer machten,
die Unterrichtsziele zu erreichen. Dabei waren die Pädagogen
um ihre Aufgabe wahrlich nicht zu beneiden: Sie erteilten -bei einer
Stunde Mittagspause - vormittags und nachmittags Unterricht, hatten
für eine strenge Schuldisziplin zu sorgen, die häuslichen
Aufgaben schriftlich zu stellen, die Aufgabenbücher zu kontrollieren,
darauf zu achten, daß die Schüler sich im Sitzen anlehnten
und die Hände auf den Tisch legten, beim Aufstehen hingegen
sich nirgends anlehnten und beim Lesen das Buch "mit beiden
Händen aufnahmen". Dazu hatten sie eine Fülle von
Festtagen zu gestalten. Da gab es nicht nur die jährliche Sedansfeier
und Kaisers Geburtstag, Tage, die jeweils mit "patriotischen
Gesängen" und "Deklamationsvorträgen" sowie
einer Festrede begangen wurden. Feierlich zu gestalten waren auch
zahlreiche Gedenktage für lebende und verstorbene Mitglieder
des preußischen Herrscherhauses oder ihm nahestehende Persönlichkeiten
(90. Geburtstag Kaiser Wilhelms I., Todestag Kaiser Friedrichs III.,
90. Geburtstag des Feldmarschalls Helmuth von Moltke). Hinzu kamen
die Jubiläumsfeiern für die Großen des Geisteslebens,
beispielsweise für Johann Wolfgang von Goethe oder Philipp
Melanchthon. Schließlich aber waren auch Schulausflüge
vorzubereiten und in aller Regel unter Beteiligung der Eltern durchzuführen.
Ziele waren dabei Steinbergen und Rinteln, die Schaumburg, aber
auch Bückeburg und der Harri. Die weiteste Fahrt der Vlothoer
Privatschule ging nach Hameln. Manchmal führte der Ausflug
aber auch nur auf die Horst, zur Ebenöde oder nach Senkelteich,
wobei einmal sogar von den ältesten Schülern der "Bonstapel
erstiegen" werden konnte. Daß dieses alles von den Lehrern
geleistet wurde, dafür sorgten die jährlich mehrmals durchgeführten
Visitationen des Vlothoer Orts- bzw. des Mindener Kreisschulinspektors.
Die "Höhere Stadtschule" zur Kaiserzeit
Am 1. April 1901 ging die Privatschule in die Trägerschaft
der Stadt über. Sie nannte sich nunmehr "Höhere Stadtschule
Vlotho a.d. Weser" und wurde von einem Kuratorium verwaltet,
das aus vier ständigen Mitgliedern bestand (dem Gemeindevorsteher,
dem reformierten und dem katholischen Ortsgeistlichen sowie dem
Rektor) und aus fünf auf sechs Jahre gewählten Stadtverordneten.
Am Schulaufbau und Lehrplan änderte sich dadurch aber nichts.
"Die Schule", so lesen wir im Jahresbericht 1910/11, "besteht
aus einer Vorschule mit drei Jahrgängen (No-na, Oktava, Septima)
und weiteren fünf Jahrgängen (Sexta bis Obertertia) mit
Real- und parallel laufenden Gymnasialkursen".
Unverändert lief auch das schulische Leben dahin. Allein bei
den jährlichen Ausflügen läßt sich eine leichte
Ausweitung des Aktionsradius feststellen: Fahrtenziele sind nun
das Hermannsdenkmal und der Teutoburger Wald, der Hohen-stein, das
"Ithgebirge", Coppenbrügge und immer wieder Hameln.
Als ein ganz besonderes Erlebnis wird im letzten Falle die Rückkehr
auf einem Dampfer der Mindener Schiffahrtsgesellschaft empfunden.
Die Feste dagegen, diese anderen Höhepunkte im damaligen Pädagogenleben,
sind geblieben. Anlaß zu Feiern sind neben dem Sedanstag und
Kaisers Geburtstag der 100. Todestag der Königin Luise, der
100. Geburtstag der verewigten Kaiserin Augusta und die Silberhochzeit
des "geliebten Kaiserpaares". Bei den Gedenktagen für
die Fürsten des Geisteslebens nimmt die 400. Wiederkehr des
Lutherschen Thesenanschlages einen ganz besonderen Rang ein. Um
den großen Reformator, diesen "gewaltigen Geistesrecken"
- wie es in dem Jahresbericht heißt - gebührend zu ehren,
wurde eigens ein Ergänzungsstoffplan ausgearbeitet, der sich
auf die Fächer Religion, Geschichte, Deutsch und Gesang erstreckte
und eine "Verteilung von Ostern bis zum 31. Oktober erheischte".
In den Jahren 1914 bis 1918 kamen die den militärischen Erfolgen
entsprechenden Feiern hinzu. Deren vielbejubelte Anlässe waren
die Einnahme französischer Festungen, die Niederwerfung Montenegros,
Serbiens und Rumäniens oder auch die Friedensschlüsse
mit der Ukraine und mit Rußland. Mehr als jene nationalen
Sternstunden prägten aber die wirtschaftliche Not und die politische
Zwangslage des kriegführenden Kaiserreiches das Gesicht jener
Jahre. Schüler und Lehrer beteiligten sich an den unterschiedlichsten
"Liebesaktionen" oder Maßnahmen zur Behebung von
Versorgungsengpässen. Sie verkauften Postkarten und führten
Geldsammlungen durch, übernahmen klassenweise die Patenschaft
für je einen "Feldgrauen" und schickten diesem Lebensmittel,
Zigarren und "Rohtabak" an die Front. Unsere Schüler
zeichneten sogar Kriegsanleihen: am 22. März 1916 = 1.700 Mark,
am 1. Oktober = 4.730 Mark und am 1. April 1917 = 2.080 Mark. Dazu
sammelten sie Altpapier und Lumpen, Weißdornfrüchte,
Obstkerne und Kastanien, Pilze und Brennesseln. Die Brennesseln
dienten der "Fasergewinnung als Ersatz für die knapper
werdende Baumwolle", die Pilze dem eigenen häuslichen
Verbrauch. Engagierte Lehrer hat es offenbar auch früher gegeben:
Die braven Vlothoer Pädagogen versuchten mit Hilfe von Pilztafeln
und einer "besonderen Belehrung" im naturkundlichen Unterricht,
"das alte Mißtrauen gegenüber den Pilzen bei einem
großen Teil der Bevölkerung" zu beheben.
Der Belehrung teilhaftig wurden damals 103 Schüler, was in
etwa der Durchschnittszahl zwischen 1901 und 1918 entsprach. Den
höchsten Schülerstand hatte man 1915/16 mit 112 zu verzeichnen.
Die "Höhere Stadtschule"
nach dem Ersten Weltkrieg
Mit dem Ende des Krieges und dem Beginn der Weimarer Republik trat
an der Höheren Stadtschule eine Reihe von Veränderungen
ein, deren wichtigste zweifellos durch das Grundschulgesetz des
Jahres 1920 bedingt war. Die Vorschulen mußten abgebaut werden
zugunsten einer vierjährigen gemeinsamen Schule für alle
Kinder des deutschen Volkes. Im April 1919 wurde bei uns keine neue
"Nona" mehr gebildet, wodurch die bisherige III. Klasse
im Jahre 1923 ganz verschwand. Lateinunterricht wurde nur noch bis
zur Quarta erteilt. Die Schüler wurden nunmehr vorbereitet
auf die Untersekunda einer Oberrealschule, die Untertertia eines
Gymnasiums oder die II. Klasse eines Lyzeums.
Eine weitere Neuerung ging auf die Initiative des Rektors Eugen
Neveling zurück, der seit 1919 die Höhere Stadtschule
leitete. Unsere Schüler konnten seit 1920 in dem ihnen vertrauten
Gebäude in der Poststraße eine Abgangsprüfung ablegen,
die sie zum Besuch der oben genannten Klassen berechtigte. Seit
1922 wurde diese Vergünstigung, die zunächst nur für
die Knaben galt, auch den Mädchen zuteil. Die Jungen wurden
von Anfang an von dem Herforder Oberstudiendirektor Dr. Paalhorn
geprüft, die Mädchen von dem Rintelner Lyzealdirektor
Zours, sehr bald aber ebenfalls von Dr. Paalhorn. Es verdient erwähnt
zu werden, daß in den ersten drei Jahren alle Schüler
diese Prüfung bestanden und daß auch in den folgenden
Jahren das Nichtbestehen sehr selten war.
Verwaltet wurde die Höhere Stadtschule von einem gegenüber
der Kaiserzeit etwas erweiterten Kuratorium, dem drei feststehende
und acht wählbare Mitglieder angehörten. Unter diesen
sollte sich in festgelegter Reihenfolge stets einer der drei Ortsgeistlichen
befinden. Neu war die Einrichtung des Elternbeirates, dem fünf
für jeweils zwei Jahre gewählte ordentliche und fünf
stellvertretende Mitglieder angehörten. Die Elternbeiräte
waren in der Weimarer Republik 1920 ins Leben gerufen worden, um
den Erziehungsberechtigten die Möglichkeit zu geben, ihre Wünsche
gegenüber der Schule zum Ausdruck zu bringen. Bei uns war das
Interesse, diesem Gremium anzugehören, allerdings sehr gering.
Die zehn kandidierenden Bürger galten stets als gewählt,
da keine weiteren Vorschläge eingegangen waren.
Die Zahl der Schüler stieg nach dem Kriege kontinuierlich an
und erreichte 1925/26 mit 154 einen neuen Höchststand. Dies
ist um so bemerkenswerter, als diese Zeit durch wirtschaftliche
Not gekennzeichnet war und das jährliche Schulgeld damals 120,
bei auswärtigen Schülern sogar 150 RM betrug, wobei für
Lateinschüler noch ein Zuschlag von 30 Mark erhoben wurde.
Um minderbemittelten Eltern die Möglichkeit zu geben, ihr Kind
auf unsere Schule zu schicken, wurden Freistellen eingerichtet,
deren Zahl allmählich bis auf 10 % anstieg.
Es läßt sich leicht denken, daß für die so
drastisch gestiegene Schülerschaft das 1887/88 errichtete Gebäude
längst nicht mehr ausreichte. Man half sich damit, daß
man 1929 im Nachbarhaus ein kleines Zimmer anmietete. Aber was von
den Lehrern hingenommen worden war, den Außenstehenden schien
es untragbar und ließ den Elternbeirat seine größte
Bewährungsprobe bestehen: Da der neue Klassenraum nur 3,30
x 3,25 m maß, wurden im Schuljahr 1931/32 endlich einige bauliche
Veränderungen in Angriff genommen. Im Dachgeschoß wurden
ein Physikraum und ein Lehrmittelzimmer eingerichtet und die Schuldienerwohnung
zur Aula ausgebaut. Die Kosten dafür betrugen 10 000 RM
Das Lehrerkollegium des Schuljahres
1929/30
Von links nach rechts: Stock, Rave, Rektor Neveling, Schmidt, Dr.
Barth, Grandjot
Unsere Schule zur Zeit des
Nationalsozialismus
Eine neue Zeit brach für
Schüler und Lehrer 1933 an. Den politischen Ereignissen jenes
Jahres gegenüber zeigte sich die Höhere Stadtschule nicht
unaufgeschlossen. Dem Jahresbericht zufolge wurde die "nationale
Revolution" sogar "voll miterlebt". Ob das nicht
eine Übertreibung war? Allerdings beteiligten sich die Schüler
am 21. März 1933 (dem "Tag von Potsdam") an einem
Fackelzug, nachdem am Vormittag eine "würdige Schulfeier"
stattgefunden hatte. Am 9. März war eine Abteilung der SS und
der SA auf den Schulhof gekommen und hatte "in Gegenwart sämtlicher
Lehrer und Schüler" die Flagge Schwarz-Weiß-Rot
und die Hakenkreuzfahne gehißt. Die alte Reichs- sowie auch
eine Preußenflagge waren von einem Vlothoer Fabrikanten gestiftet
worden. Die Bilder des neuen Reichskanzlers aber, die am selben
Tage, z. T. mit Hakenkreuzwimpeln und "frischem Grün geschmückt",
in allen Schulzimmern aufgehängt worden waren, hatten die Klassen
- dem Jahresbericht zufolge - selbst bezahlt. Drei Jahre später,
am 22. Februar 1936, konnte in einer Feierstunde zum ersten Male
die HJ-Fahne gehißt werden, da "100 % der arischen Schüler"
einer Jugendorganisation der NSDAP angehörten. Die Anstalt
wurde damals "außerdem" von drei jüdischen
Kindern besucht.
Das Jahr 1936, an dessen Anfang jene freudige Flaggenhissung gestanden
hatte, hätte leicht mit einem schulischen Fiasko enden können:
Nach der Versetzung des Vlothoer Bürgermeisters Dr. Schildwächter
hatte dessen Stellvertreter beim Oberpräsidenten in Münster
den Antrag gestellt, unsere Schule ab Ostern klassenweise abzubauen.
Die finanzielle Lage der Stadt sei so schwierig, daß sie diese
Belastung nicht länger tragen könne. Dem neuen Bürgermeister
Sappke gelang es jedoch, diesen Plan zu vereiteln. Gemeinsam mit
dem Schulleiter erreichte er nach langem Hin und Her, daß
die Anstalt in eine Oberschule mit den Klassen 1-5 umgewandelt wurde.
Damit entsprach sie dem Typ der "Zubringeschule", wie
sie die nationalsozialistischen Bestimmungen über die Neuordnung
des höheren Schulwesens aus dem Jahre 1938 vorsahen. Der Erlaß
des Reichser-ziehungsministers, durch den die Angelegenheit ihren
Abschluß fand, trägt das Datum des 26. Juni 1940. Wenige
Tage später wurde die "Städtische Oberschule für
Jungen (Klassen l - 5), Vlotho a.d. Weser" der Oberschule für
Jungen in Herford "zugeordnet".
Neben den organisatorischen Veränderungen, die den Status der
Schule betrafen, gab es eine Reihe anderer Neuerungen wie beispielsweise
die Ersetzung des Elternbeirates durch die "Schulgemeinde"
und die Berufung von "Jugendwaltern".
Geändert hatten sich aber auch - und vor allem! - die Unterrichtsinhalte.
Praktisch seit Beginn der nationalsozialistischen Ära läßt
sich deren Ausrichtung auf die neue Staatsideologie erkennen. Reihenweise
verzeichnen die Protokolle der Lehrerkonferenzen Referate der einzelnen
Kollegen über die neuen Unterrichtsziele ihrer Fächer.
Die Schüler, deren Zahl seit 1927 beständig zurückgegangen
war bis auf den neuen Tiefststand von 87 im Jahre 1936, wurden an
das politische Geschehen im "neuen" Deutschland wie selbstverständlich
herangeführt, die Politik in den Unterricht einbezogen. Am
deutlichsten zeigt sich dies bei den Feiern und Festen. Anlässe
dazu sah man genug. Festlich begangen wurde die Heimkehr der Saar,
die "Rückkehr" des Sudetenlandes und die Herausgabe
des Memelgebietes, die "Eingliederung" der Tschechoslowakei
und die Besiegung Frankreichs. Der 25. Juni 1940 war "siegfrei".
Gefeiert, und zwar in der Schule, wurden der Muttertag, der Heldengedenktag,
der Gedenktag für die Gefallenen der "Bewegung" sowie
der Geburtstag des "Führers".
Bei der Lektüre der Berichte über die Kriegsjahre fühlt
man sich zunächst an die Kaiserzeit erinnert. Wieder stehen
die verschiedensten Sammlungen im Vordergrund des Interesses. Findet
man bei den Vorkriegsjahren vor allem Geldbeträge für
Einrichtungen wie das Jugendherbergswerk, die Kriegsgräberfürsorge
oder den Verein für das Deutschtum im Ausland verzeichnet,
so stößt man nun in erster Linie auf Mengenangaben von
Heilkräutern und Ähren, Eicheln und Kastanien, Lumpen
und Altmaterial. Beiträge zum Kriegseinsatz sind für Lehrer
und Schüler Erntehilfsaktionen oder auch das Ausschreiben von
Kleiderkarten. Letzteres geschah im Jahre 1941, und zwar für
das ganze Amt Vlotho.
Einen ersten Vorgeschmack vom schrecklichen Ende des Krieges erhielten
unsere Schüler, deren Zahl im Schuljahr 1943/44 die neue Rekordmarke
von 232 erreicht hatte, Anfang 1944. Mitte Januar wurden die Jungen
der 5. Klasse als Luftwaffenhelfer eingezogen. Gemeinsam mit Gleichaltrigen
aus Rinteln, Stadthagen und Bünde erhielten sie seit dem 14.02.1944
Unterricht in ihrer Stellung an der Vlothoer Eisenbahnbrücke.
In den letzten Monaten und Wochen des Krieges mußte dieser
allerdings häufig ausgesetzt werden. Nicht anders war es in
der Poststraße. "Täglich Alarm, Tiefbeschuß
in die Klassenräume, Tiefangriffe auf unsere nach Hause eilenden
Schüler" heißt es in dem entsprechenden Jahresbericht.
Am 1. April 1945 wurde der Unterricht ganz eingestellt.

Flakhelfer an der Weser
Einen Monat zuvor war dem Schulleiter
das wohl erschütterndste Schreiben seiner Laufbahn zugegangen.
Er sollte die 15- und 16jährigen zur Musterung für den
Volkssturm beordern.
Der Neubeginn 1946
Wiedereröffnet wurde unsere Schule, die gegen
Kriegsende zunächst der Organisation Todt, dann der amerikanischen
Besatzung als Unterkunft gedient hatte, am 7. Januar 1946. Der Andrang
der Schüler war unvorstellbar. 120 Anmeldungen gab es allein
für die Sexta. Das lag nicht nur an den vielen Flüchtlingskindern,
sondern auch daran, daß Vlotho als erste unter den benachbarten
Städten den Lehrbetrieb an der Oberschule wiederaufnahm. Unvorstellbar
waren aber auch die Bedingungen, unter denen damals gearbeitet wurde.
"Es gibt keine Bücher und Hefte, keine Lehrmittel",
heißt es im Jahresbericht.
Schulspeisung (Aufnahme aus dem Jahre 1947)
Vielleicht noch haarsträubender waren die räumlichen Gegebenheiten.
Da die Bürgerschule als Besatzungslazarett diente und bis Februar
1949 nicht zur Verfügung stand, mußten zusätzlich
zu den eigenen 340 Schülern noch 22 fremde Klassen in dem bescheidenen
Gebäude in der Poststraße unterrichtet werden. Wech-

Schulspeisung (Aufnahme aus
dem Jahre 1947)

Schulspeisung (Aufnahme aus
dem Jahre 1947)
seiweise vormittags und nachmittags wurden in den
wenigen Räumen, zu denen noch ein, später zwei Zimmer
in der Berufsschule kamen, nahezu 1.400 Schüler auf die Anforderungen
des Lebens vorbereitet. Man wird dem Verfasser der Jahresberichte
gern glauben, daß es sich um einen "sehr eingeschränkten
Unterricht" handelte, der auch "aus gesundheitlichen Gründen
... nicht zu vertreten" war. Besser, als Worte es vermögen,
vermitteln die Bilder von der sog. Schulspeisung einen Eindruck
von den Umständen, unter denen die heute 55- und 60jährigen
Gleichungen nach x auflösten oder sich Vokabeln einzuprägen
versuchten.
Einen Schritt nach vorne bedeutete es für die Entwicklung der
Vlothoer Oberschule, daß die im März 1946 beantragte
Einrichtung einer 6. Klasse (Untersekunda) wenige Wochen später
vom Oberpräsidenten in Münster genehmigt wurde. Ein Jahr
darauf verließen zum ersten Male 27 Schüler und Schülerinnen
die Anstalt mit der Obersekundareife.
Sehr bald stellte sich heraus, daß die 1946 getroffene Wahl
des mathematisch-naturwissenschaftlichen Schultyps nicht die glücklichste
Entscheidung gewesen war. Die verkehrsmäßig am günstigsten
gelegenen Gymnasien, von deren Besuch ja nach wie vor das Abitur
abhing, waren neusprachlich orientiert. Außerdem zogen die
Mädchen, die seit der Gründung der Privatschule und selbst
zu Zeiten der "Oberschule für Jungen" einen beträchtlichen
Teil der Schülerschaft ausmachten, in aller Regel die Sprachen
den Naturwissenschaften vor. So beantragte man die Änderung
des Schultyps. Aufgrund eines Ministerialerlasses wurde aus der
Mathematisch-naturwissenschaftlichen Oberschule, Klassen 1-6, im
Jahre 1950 das "Städtische Neusprachliche Progymnasium
Vlotho a.d. Weser".
Es mag erstaunlich klingen: So sehr sich die Unterrichtsinhalte
nach dem Zweiten Weltkrieg geändert hatten, beim Lesen der
Jahresberichte gewinnt man den Eindruck, als habe die Institution
Schule "die Zeiten überdauert". Noch wirkt sie wie
ein festgefügter Bau, in dem es viele Selbstverständlichkeiten
gibt. Die Morgenandacht gehört ebenso dazu wie Arreststrafen.
Geldsammlungen oder das Päckchen ins Flüchtlingslager,
das weihnachtliche Krippenspiel oder der geschlossene Gottesdienstbesuch
von Lehrern und Schülern am Reformationsfest scheinen die natürlichste
Sache der Welt zu sein. Die großen Veränderungen stehen
noch aus.
Einen bedeutenden Einschnitt in der Schulgeschichte brachte das
Jahr 1953 mit sich. Am 31. August ging der Schulleiter, Eugen Neveling,
nach 38jähriger Lehrertätigkeit in Pension. 34 Jahre hatte
er an der Spitze unserer Schule gestanden, hatte ihre Entwicklung
von der Höheren Stadtschule zum Progymnasium maßgeblich
mitbestimmt und war dabei selbst vom Volksschullehrer, später
Mittelschullehrer, zum Rektor, Studienrat und schließlich
Oberstudienrat aufgestiegen. Nach seiner Pensionierung wurde er
sogar noch zur Führung der Amtsbezeichnung Studiendirektor
i. R. ermächtigt.
Sein Nachfolger, Oberstudiendirektor Lothar Gaertner, war vom Tage
seiner Wahl an bemüht, die äußeren Unterrichtsbedingungen
durch einen Neubau der Schule und durch Erweiterungsbauten zu verbessern.
Mit durchschnittlich 341 Schülern seit dem Ende des Krieges
war die Anstalt fast durchgehend zweizügig geworden. Noch immer
aber mußte auch nachmittags gelehrt und gelernt werden. In
drei Abschnitten wurde zwischen 1953 und 1959 ein Schulgebäude
errichtet, das, den alten Baukörper geschickt einbeziehend,
in seiner äußeren Gestalt dem Geschmack der Zeit entsprach
und zum ersten Male wieder allen Schülern
Das Lehrerkollegium von 1952:
Gaertner, Jahnke, Höhle, Kärsten, Obst, Dr. Lietz, Scholz,
Kleine, Plumpe, Drexhage
Grandjot, Waltermann, Rohmann, Neveling, Rave, Rohlfing
einen eigenen Klassenraum bescherte.
Auf 300.000 DM beliefen sich die Baukosten, an denen sich das Land
Nordrhein-Westfalen mit 170.000 DM beteiligte. Besondere Verdienste
um den Neubau hatten sich neben Herrn Gaertner der Stadtdirektor
Dr. Hohenstein und der Bürgermeister Kölling sowie der
1951 gegründete Fördererverein des Progymnasiums erworben.
Unter dem Vorsitz des bekannten Vlothoer Rechtsanwaltes Dr. Koch
hatte dieser die Eltern und die "Freunde der Anstalt"
zu einer Bausteinzeichnung aufgerufen und der Stadt eine rechtsverbindliche
Zusage für einen Zuschuß von 15.000 DM gegeben. In der
letzten Ausbauphase konnte er darüber hinaus noch einmal 6.600
DM zu den Gesamtkosten beisteuern. Nicht vergessen sollen aber auch
jene Schüler sein, die sich während der Sommerferien freiwillig
für Anstricharbeiten zur Verfügung stellten und die nach
Beendigung der Umbauarbeiten sich an mehreren Nachmittagen an der
Neugestaltung des Schulhofs beteiligten.
Neben diesen speziell Vlotho betreffenden Veränderungen waren
die 50er Jahre durch den einsetzenden Prozeß pädagogischer
Standortbestimmung und schulischer Selbstfindung gekennzeichnet.
Das Gymnasium wandelte sich allmählich von innen: Die ersten
Klassenpflegschaften entstehen, die Schulpflegschaft tritt zusammen,
die SMV, die Schülermitverantwortung, wie es damals noch hieß,
wird ins Leben gerufen. Gegen Nichtversetzungen werden die ersten
Einsprüche erhoben. Ständig werden Kollegen und Kolleginnen
zu Konferenzen, Tagungen und Lehrgängen delegiert, die der
Fortbildung und dem Erfahrungsaustausch dienen sollen. Vor allem
aber sollen die neuen Vorstellungen von Erziehungsarbeit und Wissensvermittlung
von ihnen in den Schulalltag hineingetragen werden und ebenso wie
die neuentstehenden Richtlinien eine Erneuerung des Unterrichtswesens
einleiten.
Vom Progymnasium zum Städtischen Weser-Gymnasium
Gegen Ende der 50er Jahre wurde von der Elternschaft
immer häufiger der Wunsch vorgetragen, das Progymnasium zu
einer Vollanstalt auszubauen, da es für unsere Schüler
ständig schwieriger wurde, an den benachbarten Gymnasien aufgenommen
zu werden. Im Juli 1958 sandte der Vorsitzende der Schulpfleg schaft
ein Rundschreiben an alle Eltern mit der Bitte, die Forderung nach
einer eigenen gymnasialen Oberstufe durch ihre Unterschrift zu unterstützen.
Die überaus erfolgreiche Aktion veranlaßte die Stadtverwaltung,
die erforderlichen Schritte einzuleiten.
Es sollten noch fast vier Jahre vergehen, bis die gemeinsamen Bemühungen
von Eltern, Lehrern, Vertretern der Stadt und der politischen Parteien
zum Erfolg führten: Am 6. April 1962 wurde der Ausbau zur Vollanstalt
vom Kultusministerium genehmigt. Zum fünften Male wechselte
die Schule ihren Namen. Sie hieß jetzt "Städtisches
Neusprachliches Gymnasium i. E. in Vlotho/Weser".
Die ersten Abiturzeugnisse konnten bei uns im Februar 1965 ausgehändigt
werden. Die Entlassungsfeier für die 11 Absolventen des "Städtischen
Neusprachlichen Gymnasiums" (seit 1964 ohne den Zusatz i.E.)
fand am 13. 2. im Saal der St.-Stephan-Gemeinde statt. Ursprünglich
sollte das in einem neuen Schulgebäude geschehen, an dessen
"baldmöglichste" Errichtung die Genehmigung vom 6.
April 1962 geknüpft worden war und dessen Fertigstellung den
Lehrern für die erste Reifeprüfung versprochen worden
war. Allerdings, der erste Spatenstich war inzwischen getan! Er
erfolgte am 4. 6. 1964.
Da die Schülerzahl, die bis zum Jahre 1961 auf 223 abgesunken
war, seit dem Ausbau zur Vollanstalt kontinuierlich anstieg und
aufgrund der erhöhten Klassenzahl mehr Räume benötigt
wurden, wurde die sich hinauszögernde Verwirklichung der Baumaßnahmen
als besonders bedrückend empfunden. Wieder mußte eine
Klasse in der Berufsschule, eine andere im Gemeindehaus der Reformierten
Kirche und zwei weitere in einer Schulbaracke unterrichtet werden.
So wurde dann die Fertigstellung des ersten Bauabschnittes des von
den Bielefelder Architekten Ulbrecht und Moratz entworfenen Gymnasiums
zu einem lange herbeigesehnten Ereignis. Wenngleich auch jetzt fünf
Klassen nur dadurch untergebracht werden konnten, daß Fachräume
"umgewidmet", besser: zweckentfremdet wurden, überwog
doch bei weitem die Freude. Der Umzug aus der Poststraße am
26. und 27. Juni 1966 fand "unter Mithilfe aller Schülerinnen
und Schüler und des gesamten Kollegiums" statt. Er trug
Züge der Ausgelassenheit. Die Vlo-thoer Bürger sahen damals
Kinder mit ausgestopften Tieren und dem "Knochenmann"
der Biologiesammlung den Winterberg hinaufeilen.
Der historisch bedeutsamere Tag in der jüngsten Geschichte
unserer Schule war allerdings der 4. Juni 1966 gewesen. Genau zwei
Jahre nach dem ersten Spatenstich für den Neubau durch Herrn
Oberschulrat Dr. Nolte ging mit Verfügung des Schulkollegiums
in Münster der zwischen dem Land Nordrhein-Westfalen und der
Stadt Vlotho zwischenzeitlich geschlossene Vertrag über die
Verstaatlichung der Anstalt ein. Die Schule hieß nunmehr "Staatliches
Neusprachliches Gymnasium in Vlotho".
Wer geglaubt haben mochte, daß nun die Verwirklichung der
Baumaßnahmen schneller vorankommen würde, sah sich bald
eines Schlechteren belehrt. Die urkundliche Übergabe des bereits
bestehenden Gebäudes verzögerte sich immer wieder. Sie
fand schließlich am 9. 12. 1968 statt. Ob es da eine kleine
Aufmunterung sein konnte, daß der Kultusminister der Schule
einen neuen Namen verlieh? In einem Erlaß vom 17. 8. 1967
bestimmte er, daß die Anstalt künftig die Bezeichnung
"Staatliches Weser-Gymnasium Vlotho Neusprachliches Gymnasium
für Jungen und Mädchen" tragen solle. Weitergebaut
wurde im Jahre 1969.
Hatten beim Einzug 1966 fünf Klassen keinen eigenen Raum erhalten
können, so waren es im Schuljahr 1968/69 bereits zehn, denn
inzwischen war die Schülerzahl auf 464 gestiegen. Im Jahr danach
entspannte sich die Lage etwas durch die Fertigstellung der ersten
vier Räume des Klassentraktes, aber nie endgültig. Selbst
als alle Gebäude des heutigen Gymnasiums ihrer Bestimmung übergeben
werden konnten, herrschte Platzmangel. Die Schülerzahlen stiegen
inzwischen nämlich von Anmeldetermin zu Anmeldetermin um eine
Klassenstärke. Die intensive Werbung, die in den sechziger
Jahren für höhere Bildungsabschlüsse betrieben worden
war, begann ihre Früchte zu tragen. Das Weser-Gymnasium war
zweizügig geplant worden, nun aber wuchs es dreizügig
nach. Im Schuljahr 1975/76 mußten für vier Klassen Pavillons
in Leichtbauweise aufgestellt werden.
Noch aber war der Scheitelpunkt der Entwicklung nicht erreicht.
Die höchste Schülerzahl verzeichnet der Jahresbericht
1981/82 mit 938. Am Ende jenes Schuljahres verließen 113 Abiturienten
und Abiturientinnen das Weser-Gymnasium -eine erstaunliche Zahl
für die Kleinstadt Vlotho.
Es darf nicht verwundern, daß die Gymnasien - nicht nur das
unsere - einem derartigen Schüleransturm personell nicht gewachsen
waren. Erstaunlich dagegen ist, daß man höheren Orts
den von einem Journalisten festgestellten deutschen "Bildungsnotstand"
beheben zu können glaubte, ohne über genügend Lehrer
zu verfügen. Bei uns waren im Schuljahr 1973/74 allein 14 Planstellen
für Studienräte und Oberstudienräte frei. Auf Bitte
von Frau Oberstudiendirektorin Elmendorf, die 1973 die Leitung der
Schule übernommen hatte, beschloß die Stadt Vlotho deshalb,
im Amtsblatt des Kultusministers und in der Zeitschrift "Die
Höhere Schule" eine Werbeaktion einzuleiten. Sie haben
richtig gelesen: die Stadt Vlotho.
Das Weser-Gymnasium war nämlich aufgrund eines Ratsbeschlusses
vom 4.12.1973 mit Wirkung vom 1. Januar 1974 in städtische
Trägerschaft zurückgekehrt. Damit war die neunte, die
bisher letzte Namensänderung fällig.
Der extreme Lehrermangel verringerte sich erst gegen Ende der 70er
Jahre. Die Schüler-Lehrer-Relation wurde nun spürbar günstiger.
Im Schuljahr 1981/82 erreichte die Zahl der Unterrichtenden mit
61 ihren höchsten Stand. Es würde den Rahmen der vorliegenden
Darstellung völlig sprengen, wollte man all die Veränderungen
im schulischen Leben seit der Einrichtung der Oberstufe auch nur
ansatzweise nachzeichnen. Im folgenden seien nur die allerwichtigsten
Neuerungen und Entwicklungen vermerkt.
Die sechziger Jahre brachten durch die "Saarbrücker Rahmenvereinbarung"
der Kultusministerkonferenz über die Neuordnung der gymnasialen
Oberstufe einschneidende Veränderungen in den Stoffplänen
und Unterrichtsinhalten. Noch stärker wandelte sich das Gesicht
der Schule in den siebziger Jahren durch die Einführung der
sog. differenzierten Mittelstufe und die Auflösung der Klassenverbände
im Zuge einer bis heute in der Bundesrepublik uneinheitlich bewerteten
Oberstufenreform. Am Weser-Gymnasium durften die Mittelstufenschüler
1973 zum ersten Male für vier Wochenstunden zwischen einzelnen
Fächern wählen. Von den Vereinbarungen der Kultusminister
über die Reformierte Oberstufe wurde 1974 als erste die Jahrgangsstufe
11 betroffen.
Eine unbestreitbare Bereicherung für die Unterrichtsarbeit
brachte die Einrichtung des Studienseminars Minden mit sich. Am
1. 2. 1976 wurden unserer Schule die ersten vier Referendare zugewiesen,
von denen zwei heute als Oberstudienräte am Weser-Gymnasium
tätig sind.
Belebend für den Fremdsprachenunterricht, der in Vlotho insofern
eine besondere Stellung einnimmt, als auch Russisch gelehrt wird,
wirkte sich stets die Beschäftigung englischer und französischer
Assistenten aus.
Wie andere Gymnasien auch, nahmen wir Kontakte zu ausländischen
Schulen auf. Nach einer Hospitation von Frau OStD' Elmendorf an
der Henry Box School in Witney fand zwischen 1970 und 1980 in zweijährigem
Rhythmus ein deutschenglischer Schüleraustausch statt. Seit
1987 besteht zwischen dem Weser-Gymnasium und dem College Gerard
Philipe in Aubigny eine Schulpartnerschaft, die der Städtepartnerschaft
vorauseilte und die in jedem Jahr junge Franzosen zu uns führt
und ihre deutschen Altersgenossen nach Frankreich reisen läßt.
Auf Initiative des seit 1987 amtierenden Schulleiters Dr. Heinze
konnte 1991 eine Seltenheitswert besitzende weitere Schulpartnerschaft
abgeschlossen werden, diejenige mit dem Gymnasium Agenskalns in
Riga, der vormaligen 5. Rigaer Mittelschule.
Mit der wachsenden Schüler- und Lehrerzahl nahmen die innerschulischen
Tätigkeiten und Veranstaltungen ebenso zu wie die aus der Unterrichtsarbeit
erwachsenen Fahrten zu Theateraufführungen, Ausstellungen oder
zu fernen Studienorten. Hießen die Reiseziele in den dreißiger
Jahren noch Bodenwerder, Karlshafen oder Norderney und in den fünfziger
Jahren Berlin, München oder auch Bochum und Bonn, so fuhr man
jetzt nach London, Rom, Prag, Paris, Leningrad und Moskau oder auch
ganz einfach nach Jugoslawien und nach Polen.
Was auf den vorangehenden Seiten dargestellt worden ist, sind Dinge,
von denen eine breitere Öffentlichkeit wenig oder nur kurzfristig
Notiz nimmt. Von sich reden machen konnte das Weser-Gymnasium, und
zwar weit über seinen Einzugsbereich hinaus, durch ganz außergewöhnliche
Erfolge auf dem Gebiet des Sports. Erinnert sei hier nur an die
allergrößten Siege: Beim Landessportfest der Schulen
1988/89 wurde das Weser-Gymnasium in der Wettkampfklasse I Landesmeister
im Fußball. Mit dem Titel Landesmeister konnten sich auch
unsere Kanuten schon schmücken. 1991/92 belegten sie den 1.
Platz im Canadier IV und im Einerkajak.
Aber auch durch Leistungen in anderen Fächern und Arbeitsgemeinschaften
hat diese Schule auf sich aufmerksam machen können und wird
dieses sicherlich auch in Zukunft tun.
Siegbert Nadolny
Quelle: Festschrift zum 125jährigen Bestehen des
WGV
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