.: Kurze Geschichte :.

Von der Privatschule Vlotho zum Weser-Gymnasium

Aus der Geschichte unserer Schule

"Privatschule Vlotho", "Höhere Stadtschule Vlotho a.d. Weser", "Mathematisch-naturwissenschaftliche Oberschule, Klassen 1-6", "Städtisches Neusprachliches Progymnasium in Vlotho/Weser" - das ist nur knapp die Hälfte der Namen, die die Schule trug, die in diesem Jahr ihr 125jähriges Bestehen feiert. Die verschiedenen Bezeichnungen lassen eine wechselvolle Entwicklung erahnen; hinter ihnen verbergen sich - wie hinter den noch nicht genannten Namen - Etappen faszinierender Vlothoer Schulgeschichte.
Es begann - wie so oft in unserem Raum - mit einer Art Bürgerinitiative: Am Dienstag, dem 28. Juli 1868, führten fünfzehn Väter ihre Kinder in das Kuhl-mannsche Haus in der Mühlenstraße zur feierlichen Eröffnung einer Privatschule. "Dieselbe", so lesen wir in unserem ältesten Dokument, "hat zwei Klassen. Lehrer der I. Klasse und zugleich Dirigent der Anstalt ist Dr. August Koch. Lehrer der II. Klasse ist August Rand. Bei Eröffnung der Schule zählte dieselbe achtzehn Zöglinge, von denen elf der I. und sieben der II. Klasse angehörten."
Die Kinder - zehn Jungen und acht Mädchen im Alter zwischen sieben und dreizehn Jahren - sollten eine bessere Ausbildung erhalten, als die Volksschule sie vermitteln konnte, wobei die Knaben gezielt auf die Aufnahmeprüfung an einem Gymnasium (Herford oder Rinteln) vorzubereiten waren.
Aus dem Kuhlmannschen Haus in der Mühlenstraße - den Vlothoern besser unter dem Namen des späteren Besitzers Kixmöller bekannt - wurde der Unterricht schon 1871 in die sog. Kleinesche Kegelbahn verlegt, die sich auf dem heutigen Grundstück des Reiseunternehmens Begemann befand. Vier Jahre später zog man erneut um, und zwar in das Armbstersche Haus Nr. 140, das heute so bekannte Textilhaus Finkhäuser. 1887/88 konnte endlich in der Koppelstraße (jetzt Poststraße) ein eigenes Schulgebäude errichtet werden.


Verzeichnis der ersten Schüler der Privatschule, das älteste Dokument zur Schulgeschichte



Das ehemalige Armbstersche Haus Nr. 140, in dessen linker Erdgeschosshälfte zwischen 1875 und 1888 sich die Privatschule befand


Der von der königlichen Regierung in Minden für das Jahr 1868 genehmigte Lehrplan wurde mehrfach geändert, bis er einem Aufbau mit acht Abteilungen entsprach. Der III. Klasse (Nona, Oktava, Septima) wurden die "Pensen" einer dreijährigen Gymnasialvorschule zugewiesen, während die beiden Abteilungen der II. Klasse den Stoff der Sexta und Quinta und die drei Abteilungen der I. Klasse denjenigen der Quarta, Unter- und Obertertia eines Gymnasiums oder Realgymnasiums bewältigen sollten.
Um dem in den "Jahresberichten" vom Anstaltsleiter formulierten Ziel gerecht zu werden, die Knaben auf den Eintritt in die Untersekunda vorzubereiten, mussten allein vier Sprachen gelehrt werden: Latein, Griechisch, Französisch und Eng-
lisch. Gleichzeitig sollten "die Sonderinteressen der die Schule besuchenden Mädchen stets die gebührende Berücksichtigung finden". Welch ein komplexes Fach- und Altersstufensystem dabei entstand, mögen die beiden Übersichten über die einzelnen Lehrgegenstände und die Stundenverteilung aus dem Schuljahr. 1896/97 zeigen:



Und dies sind die (nicht vollzähligen) Schüler der I. und II. Klasse und die Lehrer, für die dieser Plan galt:

Oberste Reihe v. l: Buhtz, Nehrkorn, Strickstrack, Dr. Brinck ("Dirigent" der Anstalt)

Welch ein ungeheures pädagogisches Geschick wurde den vier, seit dem Schuljahr 1895/96 fünf Lehrern abverlangt, die bei so unterschiedlicher Zielsetzung alle Schüler in der erwarteten Weise fördern sollten! Erschwert wurde die Arbeit noch dadurch, daß viele Eltern, selbst Mitglieder des Privatschulvereins, ihre Kinder die ersten drei Jahre zur Volksschule schickten, um das Schulgeld für die III. Klasse (die drei Vorschulklassen) zu sparen. Es gibt kaum einen "Jahresbericht", den die "Dirigenten der Anstalt" dem "verehrlichen Vorstand der Privatschule" überreichten, in dem nicht dargelegt wurde, daß dadurch die Voraussetzungen für die Aufnahme in die II. Klasse fehlten und den Pädagogen Unmögliches abverlangt werde. Im Schuljahr 1893/94 gab es infolge dieses Elternverhaltens in der III. Klasse bei drei Abteilungen nur 11 Kinder zu unterrichten. Dabei wurde die Anstalt vor der Jahrhundertwende von durchschnittlich 75 Schülern besucht (ein einziges Mal, 1898/99, wurde die Zahl 100 um 2 überschritten).
Geklagt wird in den "Jahresberichten" aber auch darüber, daß die Eltern ihre Kinder bei der geringsten Unpäßlichkeit zu Hause behielten und es den Lehrern dadurch ungeheuer schwer machten, die Unterrichtsziele zu erreichen. Dabei waren die Pädagogen um ihre Aufgabe wahrlich nicht zu beneiden: Sie erteilten -bei einer Stunde Mittagspause - vormittags und nachmittags Unterricht, hatten für eine strenge Schuldisziplin zu sorgen, die häuslichen Aufgaben schriftlich zu stellen, die Aufgabenbücher zu kontrollieren, darauf zu achten, daß die Schüler sich im Sitzen anlehnten und die Hände auf den Tisch legten, beim Aufstehen hingegen sich nirgends anlehnten und beim Lesen das Buch "mit beiden Händen aufnahmen". Dazu hatten sie eine Fülle von Festtagen zu gestalten. Da gab es nicht nur die jährliche Sedansfeier und Kaisers Geburtstag, Tage, die jeweils mit "patriotischen Gesängen" und "Deklamationsvorträgen" sowie einer Festrede begangen wurden. Feierlich zu gestalten waren auch zahlreiche Gedenktage für lebende und verstorbene Mitglieder des preußischen Herrscherhauses oder ihm nahestehende Persönlichkeiten (90. Geburtstag Kaiser Wilhelms I., Todestag Kaiser Friedrichs III., 90. Geburtstag des Feldmarschalls Helmuth von Moltke). Hinzu kamen die Jubiläumsfeiern für die Großen des Geisteslebens, beispielsweise für Johann Wolfgang von Goethe oder Philipp Melanchthon. Schließlich aber waren auch Schulausflüge vorzubereiten und in aller Regel unter Beteiligung der Eltern durchzuführen. Ziele waren dabei Steinbergen und Rinteln, die Schaumburg, aber auch Bückeburg und der Harri. Die weiteste Fahrt der Vlothoer Privatschule ging nach Hameln. Manchmal führte der Ausflug aber auch nur auf die Horst, zur Ebenöde oder nach Senkelteich, wobei einmal sogar von den ältesten Schülern der "Bonstapel erstiegen" werden konnte. Daß dieses alles von den Lehrern geleistet wurde, dafür sorgten die jährlich mehrmals durchgeführten Visitationen des Vlothoer Orts- bzw. des Mindener Kreisschulinspektors.

 

Die "Höhere Stadtschule" zur Kaiserzeit

Am 1. April 1901 ging die Privatschule in die Trägerschaft der Stadt über. Sie nannte sich nunmehr "Höhere Stadtschule Vlotho a.d. Weser" und wurde von einem Kuratorium verwaltet, das aus vier ständigen Mitgliedern bestand (dem Gemeindevorsteher, dem reformierten und dem katholischen Ortsgeistlichen sowie dem Rektor) und aus fünf auf sechs Jahre gewählten Stadtverordneten. Am Schulaufbau und Lehrplan änderte sich dadurch aber nichts. "Die Schule", so lesen wir im Jahresbericht 1910/11, "besteht aus einer Vorschule mit drei Jahrgängen (No-na, Oktava, Septima) und weiteren fünf Jahrgängen (Sexta bis Obertertia) mit Real- und parallel laufenden Gymnasialkursen".
Unverändert lief auch das schulische Leben dahin. Allein bei den jährlichen Ausflügen läßt sich eine leichte Ausweitung des Aktionsradius feststellen: Fahrtenziele sind nun das Hermannsdenkmal und der Teutoburger Wald, der Hohen-stein, das "Ithgebirge", Coppenbrügge und immer wieder Hameln. Als ein ganz besonderes Erlebnis wird im letzten Falle die Rückkehr auf einem Dampfer der Mindener Schiffahrtsgesellschaft empfunden. Die Feste dagegen, diese anderen Höhepunkte im damaligen Pädagogenleben, sind geblieben. Anlaß zu Feiern sind neben dem Sedanstag und Kaisers Geburtstag der 100. Todestag der Königin Luise, der 100. Geburtstag der verewigten Kaiserin Augusta und die Silberhochzeit des "geliebten Kaiserpaares". Bei den Gedenktagen für die Fürsten des Geisteslebens nimmt die 400. Wiederkehr des Lutherschen Thesenanschlages einen ganz besonderen Rang ein. Um den großen Reformator, diesen "gewaltigen Geistesrecken" - wie es in dem Jahresbericht heißt - gebührend zu ehren, wurde eigens ein Ergänzungsstoffplan ausgearbeitet, der sich auf die Fächer Religion, Geschichte, Deutsch und Gesang erstreckte und eine "Verteilung von Ostern bis zum 31. Oktober erheischte".
In den Jahren 1914 bis 1918 kamen die den militärischen Erfolgen entsprechenden Feiern hinzu. Deren vielbejubelte Anlässe waren die Einnahme französischer Festungen, die Niederwerfung Montenegros, Serbiens und Rumäniens oder auch die Friedensschlüsse mit der Ukraine und mit Rußland. Mehr als jene nationalen Sternstunden prägten aber die wirtschaftliche Not und die politische Zwangslage des kriegführenden Kaiserreiches das Gesicht jener Jahre. Schüler und Lehrer beteiligten sich an den unterschiedlichsten "Liebesaktionen" oder Maßnahmen zur Behebung von Versorgungsengpässen. Sie verkauften Postkarten und führten Geldsammlungen durch, übernahmen klassenweise die Patenschaft für je einen "Feldgrauen" und schickten diesem Lebensmittel, Zigarren und "Rohtabak" an die Front. Unsere Schüler zeichneten sogar Kriegsanleihen: am 22. März 1916 = 1.700 Mark, am 1. Oktober = 4.730 Mark und am 1. April 1917 = 2.080 Mark. Dazu sammelten sie Altpapier und Lumpen, Weißdornfrüchte, Obstkerne und Kastanien, Pilze und Brennesseln. Die Brennesseln dienten der "Fasergewinnung als Ersatz für die knapper werdende Baumwolle", die Pilze dem eigenen häuslichen Verbrauch. Engagierte Lehrer hat es offenbar auch früher gegeben: Die braven Vlothoer Pädagogen versuchten mit Hilfe von Pilztafeln und einer "besonderen Belehrung" im naturkundlichen Unterricht, "das alte Mißtrauen gegenüber den Pilzen bei einem großen Teil der Bevölkerung" zu beheben.
Der Belehrung teilhaftig wurden damals 103 Schüler, was in etwa der Durchschnittszahl zwischen 1901 und 1918 entsprach. Den höchsten Schülerstand hatte man 1915/16 mit 112 zu verzeichnen.

 

Die "Höhere Stadtschule" nach dem Ersten Weltkrieg


Mit dem Ende des Krieges und dem Beginn der Weimarer Republik trat an der Höheren Stadtschule eine Reihe von Veränderungen ein, deren wichtigste zweifellos durch das Grundschulgesetz des Jahres 1920 bedingt war. Die Vorschulen mußten abgebaut werden zugunsten einer vierjährigen gemeinsamen Schule für alle Kinder des deutschen Volkes. Im April 1919 wurde bei uns keine neue "Nona" mehr gebildet, wodurch die bisherige III. Klasse im Jahre 1923 ganz verschwand. Lateinunterricht wurde nur noch bis zur Quarta erteilt. Die Schüler wurden nunmehr vorbereitet auf die Untersekunda einer Oberrealschule, die Untertertia eines Gymnasiums oder die II. Klasse eines Lyzeums.
Eine weitere Neuerung ging auf die Initiative des Rektors Eugen Neveling zurück, der seit 1919 die Höhere Stadtschule leitete. Unsere Schüler konnten seit 1920 in dem ihnen vertrauten Gebäude in der Poststraße eine Abgangsprüfung ablegen, die sie zum Besuch der oben genannten Klassen berechtigte. Seit 1922 wurde diese Vergünstigung, die zunächst nur für die Knaben galt, auch den Mädchen zuteil. Die Jungen wurden von Anfang an von dem Herforder Oberstudiendirektor Dr. Paalhorn geprüft, die Mädchen von dem Rintelner Lyzealdirektor Zours, sehr bald aber ebenfalls von Dr. Paalhorn. Es verdient erwähnt zu werden, daß in den ersten drei Jahren alle Schüler diese Prüfung bestanden und daß auch in den folgenden Jahren das Nichtbestehen sehr selten war.
Verwaltet wurde die Höhere Stadtschule von einem gegenüber der Kaiserzeit etwas erweiterten Kuratorium, dem drei feststehende und acht wählbare Mitglieder angehörten. Unter diesen sollte sich in festgelegter Reihenfolge stets einer der drei Ortsgeistlichen befinden. Neu war die Einrichtung des Elternbeirates, dem fünf für jeweils zwei Jahre gewählte ordentliche und fünf stellvertretende Mitglieder angehörten. Die Elternbeiräte waren in der Weimarer Republik 1920 ins Leben gerufen worden, um den Erziehungsberechtigten die Möglichkeit zu geben, ihre Wünsche gegenüber der Schule zum Ausdruck zu bringen. Bei uns war das Interesse, diesem Gremium anzugehören, allerdings sehr gering. Die zehn kandidierenden Bürger galten stets als gewählt, da keine weiteren Vorschläge eingegangen waren.
Die Zahl der Schüler stieg nach dem Kriege kontinuierlich an und erreichte 1925/26 mit 154 einen neuen Höchststand. Dies ist um so bemerkenswerter, als diese Zeit durch wirtschaftliche Not gekennzeichnet war und das jährliche Schulgeld damals 120, bei auswärtigen Schülern sogar 150 RM betrug, wobei für Lateinschüler noch ein Zuschlag von 30 Mark erhoben wurde. Um minderbemittelten Eltern die Möglichkeit zu geben, ihr Kind auf unsere Schule zu schicken, wurden Freistellen eingerichtet, deren Zahl allmählich bis auf 10 % anstieg.
Es läßt sich leicht denken, daß für die so drastisch gestiegene Schülerschaft das 1887/88 errichtete Gebäude längst nicht mehr ausreichte. Man half sich damit, daß man 1929 im Nachbarhaus ein kleines Zimmer anmietete. Aber was von den Lehrern hingenommen worden war, den Außenstehenden schien es untragbar und ließ den Elternbeirat seine größte Bewährungsprobe bestehen: Da der neue Klassenraum nur 3,30 x 3,25 m maß, wurden im Schuljahr 1931/32 endlich einige bauliche Veränderungen in Angriff genommen. Im Dachgeschoß wurden ein Physikraum und ein Lehrmittelzimmer eingerichtet und die Schuldienerwohnung zur Aula ausgebaut. Die Kosten dafür betrugen 10 000 RM

Das Lehrerkollegium des Schuljahres 1929/30
Von links nach rechts: Stock, Rave, Rektor Neveling, Schmidt, Dr. Barth, Grandjot

 

Unsere Schule zur Zeit des Nationalsozialismus

Eine neue Zeit brach für Schüler und Lehrer 1933 an. Den politischen Ereignissen jenes Jahres gegenüber zeigte sich die Höhere Stadtschule nicht unaufgeschlossen. Dem Jahresbericht zufolge wurde die "nationale Revolution" sogar "voll miterlebt". Ob das nicht eine Übertreibung war? Allerdings beteiligten sich die Schüler am 21. März 1933 (dem "Tag von Potsdam") an einem Fackelzug, nachdem am Vormittag eine "würdige Schulfeier" stattgefunden hatte. Am 9. März war eine Abteilung der SS und der SA auf den Schulhof gekommen und hatte "in Gegenwart sämtlicher Lehrer und Schüler" die Flagge Schwarz-Weiß-Rot und die Hakenkreuzfahne gehißt. Die alte Reichs- sowie auch eine Preußenflagge waren von einem Vlothoer Fabrikanten gestiftet worden. Die Bilder des neuen Reichskanzlers aber, die am selben Tage, z. T. mit Hakenkreuzwimpeln und "frischem Grün geschmückt", in allen Schulzimmern aufgehängt worden waren, hatten die Klassen - dem Jahresbericht zufolge - selbst bezahlt. Drei Jahre später, am 22. Februar 1936, konnte in einer Feierstunde zum ersten Male die HJ-Fahne gehißt werden, da "100 % der arischen Schüler" einer Jugendorganisation der NSDAP angehörten. Die Anstalt wurde damals "außerdem" von drei jüdischen Kindern besucht.
Das Jahr 1936, an dessen Anfang jene freudige Flaggenhissung gestanden hatte, hätte leicht mit einem schulischen Fiasko enden können: Nach der Versetzung des Vlothoer Bürgermeisters Dr. Schildwächter hatte dessen Stellvertreter beim Oberpräsidenten in Münster den Antrag gestellt, unsere Schule ab Ostern klassenweise abzubauen. Die finanzielle Lage der Stadt sei so schwierig, daß sie diese Belastung nicht länger tragen könne. Dem neuen Bürgermeister Sappke gelang es jedoch, diesen Plan zu vereiteln. Gemeinsam mit dem Schulleiter erreichte er nach langem Hin und Her, daß die Anstalt in eine Oberschule mit den Klassen 1-5 umgewandelt wurde. Damit entsprach sie dem Typ der "Zubringeschule", wie sie die nationalsozialistischen Bestimmungen über die Neuordnung des höheren Schulwesens aus dem Jahre 1938 vorsahen. Der Erlaß des Reichser-ziehungsministers, durch den die Angelegenheit ihren Abschluß fand, trägt das Datum des 26. Juni 1940. Wenige Tage später wurde die "Städtische Oberschule für Jungen (Klassen l - 5), Vlotho a.d. Weser" der Oberschule für Jungen in Herford "zugeordnet".
Neben den organisatorischen Veränderungen, die den Status der Schule betrafen, gab es eine Reihe anderer Neuerungen wie beispielsweise die Ersetzung des Elternbeirates durch die "Schulgemeinde" und die Berufung von "Jugendwaltern".
Geändert hatten sich aber auch - und vor allem! - die Unterrichtsinhalte. Praktisch seit Beginn der nationalsozialistischen Ära läßt sich deren Ausrichtung auf die neue Staatsideologie erkennen. Reihenweise verzeichnen die Protokolle der Lehrerkonferenzen Referate der einzelnen Kollegen über die neuen Unterrichtsziele ihrer Fächer.
Die Schüler, deren Zahl seit 1927 beständig zurückgegangen war bis auf den neuen Tiefststand von 87 im Jahre 1936, wurden an das politische Geschehen im "neuen" Deutschland wie selbstverständlich herangeführt, die Politik in den Unterricht einbezogen. Am deutlichsten zeigt sich dies bei den Feiern und Festen. Anlässe dazu sah man genug. Festlich begangen wurde die Heimkehr der Saar, die "Rückkehr" des Sudetenlandes und die Herausgabe des Memelgebietes, die "Eingliederung" der Tschechoslowakei und die Besiegung Frankreichs. Der 25. Juni 1940 war "siegfrei". Gefeiert, und zwar in der Schule, wurden der Muttertag, der Heldengedenktag, der Gedenktag für die Gefallenen der "Bewegung" sowie der Geburtstag des "Führers".
Bei der Lektüre der Berichte über die Kriegsjahre fühlt man sich zunächst an die Kaiserzeit erinnert. Wieder stehen die verschiedensten Sammlungen im Vordergrund des Interesses. Findet man bei den Vorkriegsjahren vor allem Geldbeträge für Einrichtungen wie das Jugendherbergswerk, die Kriegsgräberfürsorge oder den Verein für das Deutschtum im Ausland verzeichnet, so stößt man nun in erster Linie auf Mengenangaben von Heilkräutern und Ähren, Eicheln und Kastanien, Lumpen und Altmaterial. Beiträge zum Kriegseinsatz sind für Lehrer und Schüler Erntehilfsaktionen oder auch das Ausschreiben von Kleiderkarten. Letzteres geschah im Jahre 1941, und zwar für das ganze Amt Vlotho.
Einen ersten Vorgeschmack vom schrecklichen Ende des Krieges erhielten unsere Schüler, deren Zahl im Schuljahr 1943/44 die neue Rekordmarke von 232 erreicht hatte, Anfang 1944. Mitte Januar wurden die Jungen der 5. Klasse als Luftwaffenhelfer eingezogen. Gemeinsam mit Gleichaltrigen aus Rinteln, Stadthagen und Bünde erhielten sie seit dem 14.02.1944 Unterricht in ihrer Stellung an der Vlothoer Eisenbahnbrücke. In den letzten Monaten und Wochen des Krieges mußte dieser allerdings häufig ausgesetzt werden. Nicht anders war es in der Poststraße. "Täglich Alarm, Tiefbeschuß in die Klassenräume, Tiefangriffe auf unsere nach Hause eilenden Schüler" heißt es in dem entsprechenden Jahresbericht. Am 1. April 1945 wurde der Unterricht ganz eingestellt.

Flakhelfer an der Weser

Einen Monat zuvor war dem Schulleiter das wohl erschütterndste Schreiben seiner Laufbahn zugegangen. Er sollte die 15- und 16jährigen zur Musterung für den Volkssturm beordern.


Der Neubeginn 1946

Wiedereröffnet wurde unsere Schule, die gegen Kriegsende zunächst der Organisation Todt, dann der amerikanischen Besatzung als Unterkunft gedient hatte, am 7. Januar 1946. Der Andrang der Schüler war unvorstellbar. 120 Anmeldungen gab es allein für die Sexta. Das lag nicht nur an den vielen Flüchtlingskindern, sondern auch daran, daß Vlotho als erste unter den benachbarten Städten den Lehrbetrieb an der Oberschule wiederaufnahm. Unvorstellbar waren aber auch die Bedingungen, unter denen damals gearbeitet wurde. "Es gibt keine Bücher und Hefte, keine Lehrmittel", heißt es im Jahresbericht.
Schulspeisung (Aufnahme aus dem Jahre 1947)
Vielleicht noch haarsträubender waren die räumlichen Gegebenheiten. Da die Bürgerschule als Besatzungslazarett diente und bis Februar 1949 nicht zur Verfügung stand, mußten zusätzlich zu den eigenen 340 Schülern noch 22 fremde Klassen in dem bescheidenen Gebäude in der Poststraße unterrichtet werden. Wech-

Schulspeisung (Aufnahme aus dem Jahre 1947)

Schulspeisung (Aufnahme aus dem Jahre 1947)

seiweise vormittags und nachmittags wurden in den wenigen Räumen, zu denen noch ein, später zwei Zimmer in der Berufsschule kamen, nahezu 1.400 Schüler auf die Anforderungen des Lebens vorbereitet. Man wird dem Verfasser der Jahresberichte gern glauben, daß es sich um einen "sehr eingeschränkten Unterricht" handelte, der auch "aus gesundheitlichen Gründen ... nicht zu vertreten" war. Besser, als Worte es vermögen, vermitteln die Bilder von der sog. Schulspeisung einen Eindruck von den Umständen, unter denen die heute 55- und 60jährigen Gleichungen nach x auflösten oder sich Vokabeln einzuprägen versuchten.
Einen Schritt nach vorne bedeutete es für die Entwicklung der Vlothoer Oberschule, daß die im März 1946 beantragte Einrichtung einer 6. Klasse (Untersekunda) wenige Wochen später vom Oberpräsidenten in Münster genehmigt wurde. Ein Jahr darauf verließen zum ersten Male 27 Schüler und Schülerinnen die Anstalt mit der Obersekundareife.
Sehr bald stellte sich heraus, daß die 1946 getroffene Wahl des mathematisch-naturwissenschaftlichen Schultyps nicht die glücklichste Entscheidung gewesen war. Die verkehrsmäßig am günstigsten gelegenen Gymnasien, von deren Besuch ja nach wie vor das Abitur abhing, waren neusprachlich orientiert. Außerdem zogen die Mädchen, die seit der Gründung der Privatschule und selbst zu Zeiten der "Oberschule für Jungen" einen beträchtlichen Teil der Schülerschaft ausmachten, in aller Regel die Sprachen den Naturwissenschaften vor. So beantragte man die Änderung des Schultyps. Aufgrund eines Ministerialerlasses wurde aus der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Oberschule, Klassen 1-6, im Jahre 1950 das "Städtische Neusprachliche Progymnasium Vlotho a.d. Weser".
Es mag erstaunlich klingen: So sehr sich die Unterrichtsinhalte nach dem Zweiten Weltkrieg geändert hatten, beim Lesen der Jahresberichte gewinnt man den Eindruck, als habe die Institution Schule "die Zeiten überdauert". Noch wirkt sie wie ein festgefügter Bau, in dem es viele Selbstverständlichkeiten gibt. Die Morgenandacht gehört ebenso dazu wie Arreststrafen. Geldsammlungen oder das Päckchen ins Flüchtlingslager, das weihnachtliche Krippenspiel oder der geschlossene Gottesdienstbesuch von Lehrern und Schülern am Reformationsfest scheinen die natürlichste Sache der Welt zu sein. Die großen Veränderungen stehen noch aus.
Einen bedeutenden Einschnitt in der Schulgeschichte brachte das Jahr 1953 mit sich. Am 31. August ging der Schulleiter, Eugen Neveling, nach 38jähriger Lehrertätigkeit in Pension. 34 Jahre hatte er an der Spitze unserer Schule gestanden, hatte ihre Entwicklung von der Höheren Stadtschule zum Progymnasium maßgeblich mitbestimmt und war dabei selbst vom Volksschullehrer, später Mittelschullehrer, zum Rektor, Studienrat und schließlich Oberstudienrat aufgestiegen. Nach seiner Pensionierung wurde er sogar noch zur Führung der Amtsbezeichnung Studiendirektor i. R. ermächtigt.
Sein Nachfolger, Oberstudiendirektor Lothar Gaertner, war vom Tage seiner Wahl an bemüht, die äußeren Unterrichtsbedingungen durch einen Neubau der Schule und durch Erweiterungsbauten zu verbessern. Mit durchschnittlich 341 Schülern seit dem Ende des Krieges war die Anstalt fast durchgehend zweizügig geworden. Noch immer aber mußte auch nachmittags gelehrt und gelernt werden. In drei Abschnitten wurde zwischen 1953 und 1959 ein Schulgebäude errichtet, das, den alten Baukörper geschickt einbeziehend, in seiner äußeren Gestalt dem Geschmack der Zeit entsprach und zum ersten Male wieder allen Schülern

Das Lehrerkollegium von 1952:
Gaertner, Jahnke, Höhle, Kärsten, Obst, Dr. Lietz, Scholz, Kleine, Plumpe, Drexhage
Grandjot, Waltermann, Rohmann, Neveling, Rave, Rohlfing

einen eigenen Klassenraum bescherte. Auf 300.000 DM beliefen sich die Baukosten, an denen sich das Land Nordrhein-Westfalen mit 170.000 DM beteiligte. Besondere Verdienste um den Neubau hatten sich neben Herrn Gaertner der Stadtdirektor Dr. Hohenstein und der Bürgermeister Kölling sowie der 1951 gegründete Fördererverein des Progymnasiums erworben. Unter dem Vorsitz des bekannten Vlothoer Rechtsanwaltes Dr. Koch hatte dieser die Eltern und die "Freunde der Anstalt" zu einer Bausteinzeichnung aufgerufen und der Stadt eine rechtsverbindliche Zusage für einen Zuschuß von 15.000 DM gegeben. In der letzten Ausbauphase konnte er darüber hinaus noch einmal 6.600 DM zu den Gesamtkosten beisteuern. Nicht vergessen sollen aber auch jene Schüler sein, die sich während der Sommerferien freiwillig für Anstricharbeiten zur Verfügung stellten und die nach Beendigung der Umbauarbeiten sich an mehreren Nachmittagen an der Neugestaltung des Schulhofs beteiligten.
Neben diesen speziell Vlotho betreffenden Veränderungen waren die 50er Jahre durch den einsetzenden Prozeß pädagogischer Standortbestimmung und schulischer Selbstfindung gekennzeichnet. Das Gymnasium wandelte sich allmählich von innen: Die ersten Klassenpflegschaften entstehen, die Schulpflegschaft tritt zusammen, die SMV, die Schülermitverantwortung, wie es damals noch hieß, wird ins Leben gerufen. Gegen Nichtversetzungen werden die ersten Einsprüche erhoben. Ständig werden Kollegen und Kolleginnen zu Konferenzen, Tagungen und Lehrgängen delegiert, die der Fortbildung und dem Erfahrungsaustausch dienen sollen. Vor allem aber sollen die neuen Vorstellungen von Erziehungsarbeit und Wissensvermittlung von ihnen in den Schulalltag hineingetragen werden und ebenso wie die neuentstehenden Richtlinien eine Erneuerung des Unterrichtswesens einleiten.

 

Vom Progymnasium zum Städtischen Weser-Gymnasium

Gegen Ende der 50er Jahre wurde von der Elternschaft immer häufiger der Wunsch vorgetragen, das Progymnasium zu einer Vollanstalt auszubauen, da es für unsere Schüler ständig schwieriger wurde, an den benachbarten Gymnasien aufgenommen zu werden. Im Juli 1958 sandte der Vorsitzende der Schulpfleg schaft ein Rundschreiben an alle Eltern mit der Bitte, die Forderung nach einer eigenen gymnasialen Oberstufe durch ihre Unterschrift zu unterstützen. Die überaus erfolgreiche Aktion veranlaßte die Stadtverwaltung, die erforderlichen Schritte einzuleiten.
Es sollten noch fast vier Jahre vergehen, bis die gemeinsamen Bemühungen von Eltern, Lehrern, Vertretern der Stadt und der politischen Parteien zum Erfolg führten: Am 6. April 1962 wurde der Ausbau zur Vollanstalt vom Kultusministerium genehmigt. Zum fünften Male wechselte die Schule ihren Namen. Sie hieß jetzt "Städtisches Neusprachliches Gymnasium i. E. in Vlotho/Weser".
Die ersten Abiturzeugnisse konnten bei uns im Februar 1965 ausgehändigt werden. Die Entlassungsfeier für die 11 Absolventen des "Städtischen Neusprachlichen Gymnasiums" (seit 1964 ohne den Zusatz i.E.) fand am 13. 2. im Saal der St.-Stephan-Gemeinde statt. Ursprünglich sollte das in einem neuen Schulgebäude geschehen, an dessen "baldmöglichste" Errichtung die Genehmigung vom 6. April 1962 geknüpft worden war und dessen Fertigstellung den Lehrern für die erste Reifeprüfung versprochen worden war. Allerdings, der erste Spatenstich war inzwischen getan! Er erfolgte am 4. 6. 1964.
Da die Schülerzahl, die bis zum Jahre 1961 auf 223 abgesunken war, seit dem Ausbau zur Vollanstalt kontinuierlich anstieg und aufgrund der erhöhten Klassenzahl mehr Räume benötigt wurden, wurde die sich hinauszögernde Verwirklichung der Baumaßnahmen als besonders bedrückend empfunden. Wieder mußte eine Klasse in der Berufsschule, eine andere im Gemeindehaus der Reformierten Kirche und zwei weitere in einer Schulbaracke unterrichtet werden. So wurde dann die Fertigstellung des ersten Bauabschnittes des von den Bielefelder Architekten Ulbrecht und Moratz entworfenen Gymnasiums zu einem lange herbeigesehnten Ereignis. Wenngleich auch jetzt fünf Klassen nur dadurch untergebracht werden konnten, daß Fachräume "umgewidmet", besser: zweckentfremdet wurden, überwog doch bei weitem die Freude. Der Umzug aus der Poststraße am 26. und 27. Juni 1966 fand "unter Mithilfe aller Schülerinnen und Schüler und des gesamten Kollegiums" statt. Er trug Züge der Ausgelassenheit. Die Vlo-thoer Bürger sahen damals Kinder mit ausgestopften Tieren und dem "Knochenmann" der Biologiesammlung den Winterberg hinaufeilen.
Der historisch bedeutsamere Tag in der jüngsten Geschichte unserer Schule war allerdings der 4. Juni 1966 gewesen. Genau zwei Jahre nach dem ersten Spatenstich für den Neubau durch Herrn Oberschulrat Dr. Nolte ging mit Verfügung des Schulkollegiums in Münster der zwischen dem Land Nordrhein-Westfalen und der Stadt Vlotho zwischenzeitlich geschlossene Vertrag über die Verstaatlichung der Anstalt ein. Die Schule hieß nunmehr "Staatliches Neusprachliches Gymnasium in Vlotho".
Wer geglaubt haben mochte, daß nun die Verwirklichung der Baumaßnahmen schneller vorankommen würde, sah sich bald eines Schlechteren belehrt. Die urkundliche Übergabe des bereits bestehenden Gebäudes verzögerte sich immer wieder. Sie fand schließlich am 9. 12. 1968 statt. Ob es da eine kleine Aufmunterung sein konnte, daß der Kultusminister der Schule einen neuen Namen verlieh? In einem Erlaß vom 17. 8. 1967 bestimmte er, daß die Anstalt künftig die Bezeichnung "Staatliches Weser-Gymnasium Vlotho Neusprachliches Gymnasium für Jungen und Mädchen" tragen solle. Weitergebaut wurde im Jahre 1969.
Hatten beim Einzug 1966 fünf Klassen keinen eigenen Raum erhalten können, so waren es im Schuljahr 1968/69 bereits zehn, denn inzwischen war die Schülerzahl auf 464 gestiegen. Im Jahr danach entspannte sich die Lage etwas durch die Fertigstellung der ersten vier Räume des Klassentraktes, aber nie endgültig. Selbst als alle Gebäude des heutigen Gymnasiums ihrer Bestimmung übergeben werden konnten, herrschte Platzmangel. Die Schülerzahlen stiegen inzwischen nämlich von Anmeldetermin zu Anmeldetermin um eine Klassenstärke. Die intensive Werbung, die in den sechziger Jahren für höhere Bildungsabschlüsse betrieben worden war, begann ihre Früchte zu tragen. Das Weser-Gymnasium war zweizügig geplant worden, nun aber wuchs es dreizügig nach. Im Schuljahr 1975/76 mußten für vier Klassen Pavillons in Leichtbauweise aufgestellt werden.
Noch aber war der Scheitelpunkt der Entwicklung nicht erreicht. Die höchste Schülerzahl verzeichnet der Jahresbericht 1981/82 mit 938. Am Ende jenes Schuljahres verließen 113 Abiturienten und Abiturientinnen das Weser-Gymnasium -eine erstaunliche Zahl für die Kleinstadt Vlotho.
Es darf nicht verwundern, daß die Gymnasien - nicht nur das unsere - einem derartigen Schüleransturm personell nicht gewachsen waren. Erstaunlich dagegen ist, daß man höheren Orts den von einem Journalisten festgestellten deutschen "Bildungsnotstand" beheben zu können glaubte, ohne über genügend Lehrer zu verfügen. Bei uns waren im Schuljahr 1973/74 allein 14 Planstellen für Studienräte und Oberstudienräte frei. Auf Bitte von Frau Oberstudiendirektorin Elmendorf, die 1973 die Leitung der Schule übernommen hatte, beschloß die Stadt Vlotho deshalb, im Amtsblatt des Kultusministers und in der Zeitschrift "Die Höhere Schule" eine Werbeaktion einzuleiten. Sie haben richtig gelesen: die Stadt Vlotho.
Das Weser-Gymnasium war nämlich aufgrund eines Ratsbeschlusses vom 4.12.1973 mit Wirkung vom 1. Januar 1974 in städtische Trägerschaft zurückgekehrt. Damit war die neunte, die bisher letzte Namensänderung fällig.
Der extreme Lehrermangel verringerte sich erst gegen Ende der 70er Jahre. Die Schüler-Lehrer-Relation wurde nun spürbar günstiger. Im Schuljahr 1981/82 erreichte die Zahl der Unterrichtenden mit 61 ihren höchsten Stand. Es würde den Rahmen der vorliegenden Darstellung völlig sprengen, wollte man all die Veränderungen im schulischen Leben seit der Einrichtung der Oberstufe auch nur ansatzweise nachzeichnen. Im folgenden seien nur die allerwichtigsten Neuerungen und Entwicklungen vermerkt.
Die sechziger Jahre brachten durch die "Saarbrücker Rahmenvereinbarung" der Kultusministerkonferenz über die Neuordnung der gymnasialen Oberstufe einschneidende Veränderungen in den Stoffplänen und Unterrichtsinhalten. Noch stärker wandelte sich das Gesicht der Schule in den siebziger Jahren durch die Einführung der sog. differenzierten Mittelstufe und die Auflösung der Klassenverbände im Zuge einer bis heute in der Bundesrepublik uneinheitlich bewerteten Oberstufenreform. Am Weser-Gymnasium durften die Mittelstufenschüler 1973 zum ersten Male für vier Wochenstunden zwischen einzelnen Fächern wählen. Von den Vereinbarungen der Kultusminister über die Reformierte Oberstufe wurde 1974 als erste die Jahrgangsstufe 11 betroffen.
Eine unbestreitbare Bereicherung für die Unterrichtsarbeit brachte die Einrichtung des Studienseminars Minden mit sich. Am 1. 2. 1976 wurden unserer Schule die ersten vier Referendare zugewiesen, von denen zwei heute als Oberstudienräte am Weser-Gymnasium tätig sind.
Belebend für den Fremdsprachenunterricht, der in Vlotho insofern eine besondere Stellung einnimmt, als auch Russisch gelehrt wird, wirkte sich stets die Beschäftigung englischer und französischer Assistenten aus.
Wie andere Gymnasien auch, nahmen wir Kontakte zu ausländischen Schulen auf. Nach einer Hospitation von Frau OStD' Elmendorf an der Henry Box School in Witney fand zwischen 1970 und 1980 in zweijährigem Rhythmus ein deutschenglischer Schüleraustausch statt. Seit 1987 besteht zwischen dem Weser-Gymnasium und dem College Gerard Philipe in Aubigny eine Schulpartnerschaft, die der Städtepartnerschaft vorauseilte und die in jedem Jahr junge Franzosen zu uns führt und ihre deutschen Altersgenossen nach Frankreich reisen läßt. Auf Initiative des seit 1987 amtierenden Schulleiters Dr. Heinze konnte 1991 eine Seltenheitswert besitzende weitere Schulpartnerschaft abgeschlossen werden, diejenige mit dem Gymnasium Agenskalns in Riga, der vormaligen 5. Rigaer Mittelschule.
Mit der wachsenden Schüler- und Lehrerzahl nahmen die innerschulischen Tätigkeiten und Veranstaltungen ebenso zu wie die aus der Unterrichtsarbeit erwachsenen Fahrten zu Theateraufführungen, Ausstellungen oder zu fernen Studienorten. Hießen die Reiseziele in den dreißiger Jahren noch Bodenwerder, Karlshafen oder Norderney und in den fünfziger Jahren Berlin, München oder auch Bochum und Bonn, so fuhr man jetzt nach London, Rom, Prag, Paris, Leningrad und Moskau oder auch ganz einfach nach Jugoslawien und nach Polen.
Was auf den vorangehenden Seiten dargestellt worden ist, sind Dinge, von denen eine breitere Öffentlichkeit wenig oder nur kurzfristig Notiz nimmt. Von sich reden machen konnte das Weser-Gymnasium, und zwar weit über seinen Einzugsbereich hinaus, durch ganz außergewöhnliche Erfolge auf dem Gebiet des Sports. Erinnert sei hier nur an die allergrößten Siege: Beim Landessportfest der Schulen 1988/89 wurde das Weser-Gymnasium in der Wettkampfklasse I Landesmeister im Fußball. Mit dem Titel Landesmeister konnten sich auch unsere Kanuten schon schmücken. 1991/92 belegten sie den 1. Platz im Canadier IV und im Einerkajak.
Aber auch durch Leistungen in anderen Fächern und Arbeitsgemeinschaften hat diese Schule auf sich aufmerksam machen können und wird dieses sicherlich auch in Zukunft tun.

Siegbert Nadolny

Quelle: Festschrift zum 125jährigen Bestehen des WGV